Wie ist der Landeverband der Gehörlosen Rheinland-Pfalz entstanden?


Unter obigen Geschehnissen begann nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Gehörlosen Rheinland-Pfalz mit einem Protokollauschnitt: ,,Kamerad August Schäfer, vom Präsidenten Karl Wacker des Deutschen Gehörlosen-Bundes beauftragt, rief die Vorstände der einzelnen Ortsvereine zu einer Sitzung am 20. Oktober 1950 in Frankfurt am Main zusammen. Es waren vertreten: Ludwig Hahn (Frankenthal), Johann Wilhelm sen. und Johann Wilhelm jun. (Kaiserslautern), Heinrich Lehmann (Ludwigshafen), Helmut Klös (Worms), Ernst Betz (Landau), Theodor Schütz (Neuwied) und Robert Brück (Mainz). Kamerad Schäfer betonte in seiner Begrüßungsansprache, dass die Gründung eines Landesverbandes Rheinland-Pfalz unbedingt erforderlich sei. Er erklärte genau Zweck und Ziel desselben. Kamerad Hahn machte Vorschläge zur Organisation. Die Ortsvereine schließen sich zu Bezirksverbänden zusammen und diese bilden den Landesverband. Aufgabe des Landesverbandes ist es, die Verbindung zur Landesregierung aufzunehmen. Die Gründung des Landesverbandes wurde dann einstimmig beschlossen. Kamerad Theodor Schütz wurde beauftragt, einen Bezirksverband mit den Ortsvereinen Koblenz, Trier, Neuwied und Betzdorf zu gründen. Dann wurde ein vorläufiger Landesverbandsvorstand gewählt: 1. Vorsitzender August Schäfer, 2. Vorsitzender Ludwig Hahn (zugleich Vorsitzender des Pfälzischen Bezirksverbandes), Schriftführer Johann Wilhelm jun., Kassierer Heinrich Lehmann, Verbindungsleiter Theodor Schütz. Die Wahl des endgültigen Vorstandes findet im September 1951 auf dem 1. Verbandstag in Kaiserslautern statt, wo der Ortsverein sein 50-jähriges Bestehen feiert. Kamerad Schäfer dankte allen für das Vertrauen und beendete die Sitzung mit dem Wunsche für eine gute, erfolgreiche Zusammenarbeit im neuen Landesverband. Johann Wilhelm jun., Schriftführer.‘‘

Damit hat der Landesverband der Gehörlosen Rheinland-Pfalz als vorletztes Bundesland sich dem Deutschen Gehörlosen-Bund angeschlossen. Zum schon 1910 gegründeten Bezirksbund Pfalz gehörten folgende Gehörlosenvereine mit Frankenthal, Grünstadt*, Idar-Oberstein*, Kaiserslautern, Kusel/Altenglan*, Landau, Ludwigshafen, Neustadt, Pirmasens, Speyer und Zweibrücken*, während zum Bezirksbund Rheinland mit Betzdorf*-Wissen*-Altenkirchen; Bullay*, Koblenz*, Mayen*, Montabaur*, Neuwied und Trier und zum Bezirksbund Rheinhessen Bad Kreuznach/Simmern, Mainz und Worms aufgliederten, ist der immer kehrende Hinweis ,,Die Heimat der Gehörlosen ist sein Verein‘‘ wohl verständlich, wo man sich am wohlsten fühlt und vor allem verstanden wird. Schließlich ist als Kommunikationsform die ,,Gebärdensprache‘‘ die Muttersprache der Gehörlosen (Hinweis: * = Vereinsauflösung).

Während 1950 der Gründungsvorsitzende und spätere Ehrenvorsitzende August Schäfer unter schwierigen Startbedingungen jedoch mit demokratischen Einsichten aufbauen konnte, war der 1958 nachfolgende Vorsitzende Robert Brück ein Glücksfall für den Landesverband. Vierzig lange Jahre aktivierte er viele Vorhaben, dessen detaillierten Inhalt die Festschrift sprengen würde. Fangen wir mit den wichtigsten Errungenschaften an: jahrelang wiederholte Erholungsmaßnahmen in Hindelang für die gehörlosen Senioren; Eröffnung des ,,Psycho-sozialen Dienstes (PSD) für Hörgeschädigte im Arbeitsleben‘‘ am 1. August 1990 in Frankenthal – später nachfolgend weitere Beratungsstellen in Mainz und Neuwied, Entstehung des Kommunikationszentrums für Gehörlose in Frankenthal (Spatenstich am 30. März 1991, Grundsteinlegung am 7. Dezember 1991, Richtfest am 27. März 1992, Einweihung am 2. April 1993). Hier unterstützte ihn sehr eindrucksvoll der agile Hubert Wilhelm. Der Landesverband ist beiden Vorbildern zu großem Dank verpflichtet.

Mit Elfriede Thein als erste weibliche Verbandsvorsitzende im Jahre 2000 konnte die Einweihung der Landesdolmetscherzentrale für Gebärdensprache in Frankenthal am 2. September 2000 fortgesetzt werden.

Nunmehr ist Kurt Stübiger seit 2008 der aktuelle vierte Verbandsvorsitzende seit der Gründung, der im Wandel der Modernisierung ein neu-strukturiertes Erscheinungsbild des Landesverbandes gestalten wird.

Der Spruch von Helen Keller, taubblinde Philosophin und Schriftstellerin ,,Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit aber von den Menschen‘‘ vor vielen Jahren und die aktuelle Feststellung ,,Nicht ohne uns über uns‘‘ hat an Aktualität nicht verloren.

Als Mitglied im Landesbehindertenbeirat Rheinland-Pfalz haben seit 1992 Heinz Esswein, Elfriede Thein und jetzt Karlheinz Hundhausen die Interessen des Landesverbandes vertreten, wo unter anderem nach dem Landesgleichstellungsgesetz momentan die UN-Behindertenrechtkonvention eine große Chance für alle bietet, ein Landesaktionsplan zur Umsetzung über die Rechte von Menschen mit Behinderungen aufzustellen. Der Landesregierung liegt eine Empfehlung für den bilingualen Unterricht ,,Inklusion in der Bildung‘‘ vor, welche vom Verband der Selbsthilfe unter der Federführung der Gesellschaft für Hörgeschädigte zusammengestellt wurde. Die zeitlaufende Wandlung von der Aussonderung zur Integration und jetzt zur Inklusion zielt darauf hin, dass von der Fürsorge zur Selbstständigkeit der richtige Weg ist.